Kundeninfo vom März 2005
Liebe Geschäftsfreunde
Als grundsätzlich ehrlicher Mensch überlege ich mir ernsthaft, ob ich nicht beim Handelsregisteramt einen neuen Firmenzweck eintragen lassen soll. Der würde dann etwa so lauten: Oetterli + Co. AG, früher Essigfabrik & Kaffeerösterei sowie Handel mit Lebensmittel-Spezialitäten, neu Herstellung von Produkte-Spezifikationen, Erarbeiten von Lieferanten-Audits, Ausfüllen von Formularen für Bundesämter, Erstellen von Statistiken, Bestätigen von Unfällen, Krankheiten, Ruhezeitkontrollen, Einreichen von Fahrtenschreibern, Lohnsummendeklarationen, Zwischenverdienst-tabellen, Absagen von täglich 3 –4 Pro-forma-Bewerbungen für das Arbeitsamt, Rapporte über die Lehrlingsausbildungsprogramme ausfüllen, Rückforderungen VOCV und Prozesswasser-Gebühren ausrechnen und formulieren, Diskussionen über Datumsdeklarationen mit Lebensmittelinspektoren führen etc.
Kürzlich hat ein QS-Manager eines Grosskunden angerufen, er wollte Ergänzungen zum Herstellungsprozess von Bio Essig, er verlangte nähere Auskünfte über unseren Micro-Strömungsfilter, die Membran-Struktur und die Stundenleistung wie auch die Temperatur beim Ein- und Austritt. Während der Zeit, die wir natürlich kostenlos für die Abklärung sämtlicher Daten aufgewendet haben, sind irgendwo auf dieser Welt mehrere Menschen aus Mangel an Nahrung umgekommen, und wir, die perfekten Superschweizer, müssen ein Filtrationsdiplom erarbeiten, das irgend wo in einem Ordner vergilbt mit dem Zweck, dass wir die „Sicherheit“ haben, sterile Lebensmittel oder was auch immer zu uns nehmen.
Ticken wir noch normal? Geiz-ist-geil im Food Business. Auch wir könnten da mitmischen. An Stelle von Primasprit kann man auf dem Weltmarkt billigen Sekunda-Industriesprit einkaufen, am besten als Säurekonzentrat importieren. Mit Essenzen aromatisieren. Die billigste Oel-Flasche aus Fernost posten, einen Spritzverschluss draufsetzen und eine Zweifarben-Etikette aufkleben. Dann den Hartdiscountern ante portas ein Angebot unterbreiten. Wir haben den billigsten Essig Europas, nichts ist unmöglich! Nein, das machen wir nicht. Irgend einer wird’s schon tun. Und Leute, die das kaufen und konsumieren, gibt es auch. Einige, weil sie zu wenig zum Leben haben. Der Grossteil, weil sie von den Medien täglich lernen, nur das Billigste sei gut.
Aber der Discounter, der zahle zu tiefe Löhne, das sei ein Böser, monieren dann die gleichen Journalisten!
Das Ganze kann auf die Dauer nicht gut gehen. Wir müssen es immer wieder erklären. ZB. unseren Besuchern auf dem Rundgang. Und vor allem die Politiker, die immer wieder von der Entlastung der KMUs bis zum Abwinken palavern, die sollten bei uns einmal ein Praktikum machen. Stell Dir mal vor, ein Bundesrat müsste eine Woche im Büro bei Oetterlis arbeiten, und dann würde er sich über die Vorschriften und Gesetze beklagen, deiss wäre eine tolle Geschichte!
Mit streng normierten Grüssen Ihr Hubi Oetterli


