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Kundeninfo vom Januar 2003

Liebe Geschäftsfreunde

Sind Sie mit "voller Motivation" ins neue Jahr gestartet? Wir hoffen es für Sie. Bei uns war eher das Gegenteil der Fall...lassen Sie mich diese fast unglaubliche Geschichte erzählen:

Seit Jahrzehnten beliefern wir die grössern Spitäler und Anstalten im Kanton Solothurn mit Kaffee. Regelmässig gab es Konditionengespräche (wir standen nie unter "Heimatschutz") und auch ein Qualitätsstandard, dh. ein konkurrenzfähiges Preis-/Leistungsverhältnis musste stimmen. Vor einem Jahr gab es erstmals eine Ausschreibung bei einer grössern Anzahl Röstereien. Auch wir konnten unser
Angebot einreichen und erhielten den Zuschlag, weil es "die beste" Offerte gewesen sei. Im Oktober 02 gab es wieder eine Ausschreibung der "Hotellerie Jura Südfuss", man wies uns darauf hin, dass ein neuer Betrieb dazu käme und sich der Jahresverbrauch von 11 auf 12 Tonnen Röstkaffee
erhöhen würde. Wir haben dies in unserem Angebot berücksichtigt und einen Preisabschlag von 5 % auf die Konditionen 02 angeboten, bei gleichbleibender Qualität und Service, dazu gehören Ausschank-
beratung und Kontrolle, alle 14 Tage röstfrische Lieferung und (im letzten Jahr mehrmals der Fall)
Sofortlieferung durch Pikett bei Bedarf. Dazu unzählige Nebenleistungen wie Ausschankkontrollen,
Sponsoring von Lesemappen für die Patienten, Gratislieferung am Tag der offenen Tür inkl. Leihmaschinen, Spenden für die Weihnachtsbescherungen usw.usf.

Bei der Eingabe unserer Offerte haben wir mündlich und schriftlich darum ersucht, mit uns Rücksprache zu nehmen, falls es doch noch um eine Preiskorrektur gehen würde. Sollte es wirklich nur noch um den
Preis gehen, so müssten wir die Sache anders anpacken: höherer Robusta-Anteil der Frühstücksmischung oder eine billigere Verpackung (wir sind eine der wenigen Röstereien, die eine
teure, alufreie Verpackung verwendet) und Lieferung von grösseren Volumina pro Bestellung. Eine
Lösung hätten wir sicher gefunden, wenn ein Wille da gewesen wäre.

Ohne irgend eine Kontaktnahme erhielten wir am 25.11.02 die banale schriftliche Mitteilung, die Einkaufsgruppe habe sich für einen Konkurrenten wegen einer "grossen Preisdifferenz" entschieden,
Qualität und Service unserer Produkte würden nicht angezweifelt. Weischwieschön!

Wenn ich dem Einkäufer im Inselspital einen Besuch abstatte und ihm ein paar Kaffeemuster abgebe, so sagt er "wissen Sie Herr Oetterli, Sie bedienen uns sehr gut mit Ihrem Essig, wir haben aber hier in
Bern mehrere Kaffeeröstereien und die berücksichtigen wir jeweils im Turnus, die zahlen hier nämlich
Steuern und bieten Arbeitsplätze." Und wir in Solothurn?

Noch ein kleines Beispiel, was andere Kantone für ihre Unternehmen tun: die Regierungen von Basel-
Stadt und Baselland haben an die Einkäufer ihrer Spitäler eine Weisung erlassen, es seien im Kanton
ansässige Röstereien zu Konkurrenzpreisen und wenn immer möglich mit fair gehandeltem Kaffee,
zB. Max Havelaar, zu berücksichtigen.

In Solothurn erhält ein Anbieter den Zuschlag, der zu absoluten Dumpingpreisen anbietet, das kg Früh-
stücksmischung koste jetzt noch weniger als 6 Franken! Bei den günstigen Spitalaufenthaltskosten muss es ja einleuchten, dass man jetzt noch 1,5 Rappen pro Tasse Kaffee sparen muss. Nur so nebenbei bemerkt: die Firma, die den Auftrag "hereinholte" hat ihren Sitz im Kanton Bern und wurde
auf den 1.1.03 an eine holländische Investorengruppe verkauft - Freude herrscht!

Ob der Oetterli auch sparen kann? Sicher einmal bei den Steuern, denn er hat an diesem Auftrag ja sooo viel verdient. Und dann beim Personal? Bisher hatten wir das noch nicht nötig - unsern Kunden, darunter gibt es immer noch ein paar Staatsbetriebe - seis gedankt. Der niedrigste Lohn in unserer 15 köpfigen Belegschaft beträgt für eine angelernte Hilfskraft im 1. Jahr 13 x 3'600.-. Sollte diese jetzt nur
zu 50 % arbeitslos werden, so kostet das diesen Kanton Solothurn mehr, als er bei seinem Kaffee-
auftrag der Spitäler spart.

"Ein Skandal!" sagen die Leute, denen ich diese Geschichte bisher erzählt habe. Ich persönlich finde
es nicht traurig, sondern ganz einfach HIMMELTRAURIG, die Einkaufspolitik in diesem maroden
Kanton. Nichts lernen sie, die Politiker und Technokraten. Bis vor ein paar Monaten gab es da eine
Baufirma, die hiess Meier + Jäggi AG und schnappte dank Tiefstpreis-Angeboten praktisch alle
öffentlichen Aufträge. Heute existiert dieses Unternehmen nur noch in Form einer Affiche an der Fassade am Herzog & Demeuron-Gebäude am Dornacherplatz, dafür stempeln Dutzende von Angestellten beim kantonalbanklosen Kanton Solothurn. Der Vorsteher der Amtes für Arbeit & Wirtschaft hat mir kürzlich erzählt, es seien sehr viele Leute darunter, die man nicht "umplatzieren" könne, weil sie so hohe Löhne hatten! Ueber dieses AWA könnte ich hier auch noch eine Sonderseite einrücken, aber bleiben wir beim angefangenen Thema.

Das Bürgerspital wird jetzt "marktwirtschaftlich" gemanagt. Eine "privatisierte" Grosswäscherei schafft
"Bruttosozialprodukt", die Wäsche wird mit einem über 30 Jahre alten Saurer-Lastwagen, wohl die
grösste "Dreckschleuder" im Kanton, nach Olten gekarrt, die private Wäscherei GLORIA AG in
Solothurn hat kurz nach dieser "Innovation" die Tore geschlossen.

Dann gibt es auch noch einen Party-Service, der von der Küche des Bürgerspitals aus betrieben wird.
Konkurrenz für das Gastgewerbe belebt sicher, wenn alle mit den gleichen Infrastrukturkosten und
Lohnnebenkosten, Vorschriften arbeiten müssen. Auch hier fällt auf: beim Lieferwagen handelt es sich
um eine mehr als 20 Jahre alte "Schwarte". Wäre das nicht etwas für GASTROSUISSE, sich hier in
diese "nachhaltige" Spitalpolitik einzumischen?

Wussten Sie, dass der Kanton Solothurn nicht nur einen "Informationsbeauftragten" sondern auch noch einen "Wirtschaftsförderer" auf der Chefbeamten-Lohnliste hat? Vielleicht gehört es zu seinen Aufgaben, private Investoren, die mehr als 200 neue Arbeitsplätze schaffen wollen, von dieser Bananen-Republik fernzuhalten, wie das Beispiel Holzverarbeitungszentrum Luterbach zeigt.

Nur Dummheit, Neid, Egoismus oder Missgunst? Oder von allem ein wenig? Die Mentalität, die bei einem Teil der Entscheidungsträger im Kanton Solothurn herrscht, ist unbegreiflich und frustrierend.
Nachhilfestunden in Volkswirtschaft wären dringend nötig.

Am 16.12. rief mir Herr Konrad Schwaller, Staatsschreiber, an, um mit mir einen Termin zu vereinbaren,
denn es war seit einiger Zeit vorgesehen, dass der Gesamtregierungsrat dem letzten Familienbetrieb der Lebensmittelbranche einen Besuch abstatten würde. Diese Einladung habe ich jetzt wieder rück-
gängig gemacht, und der Staatsschreiber zeigte gar Verständnis, nachdem ich ihm meine Gründe
dargelegt hatte. Uebrigens: 2003 ist ein Wahljahr!

Allen, die uns weiterhin die Treue halten, und es hat auch staatliche Betriebe darunter, danke ich ganz

herzlich Ihr


Hubi Oetterli, Kleinunternehmer & Einzelkämpfer

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